Christentum, das «Schweizer Taschenmesser unter den Religionen»
Als Schweizer liebe ich diesen Titel - ich musste es halt posten!
Die Titelgeschichte von dieser GEO-Ausgabe gilt natürlich kaum als „revolutionäre These“ und ist wohl auch nicht besonders hilfreich im öffentlichen Raum. So eine entwicklungsanthropologische Auslegung hat aber doch einiges an sich (hängt ja grundsätzlich mit der literarischen Gattung des „Mythos“ zusammen!). Also finde ich die Reaktion von Pro (auch livenet.ch) etwas übertrieben. Was meint ihr?
Extracted text from https://www.pro-medienmagazin.de:
In der aktuellen Ausgabe des Magazins GEO prsentieren zwei Autoren Die wahre Bedeutung der Bibel Foto: Gruner + Jahr GmbH & Co KG / GEO Teilen Twittern Teilen 04.01.2018 GEO-TITELGESCHICHTE Christentum, das Schweizer Taschenmesser unter den Religionen Den Jgern und Sammlern ging es noch paradiesisch. Doch irgendwann wurden die Menschen sesshaft, bildeten Stdte, und damit fing das bel an. Dies sei die Vertreibung aus dem Paradies gewesen, von der in der Bibel die Rede ist. Diese und andere Erklrungen biblischer Geschichten bieten zwei Autoren in der wenig christlich-erbaulichen aktuellen Ausgabe des Magazins GEO an. Eine Rezension von Jrn Schumacher
Im Grunde sei die Bibel einfach nur verwirrend. Das stellt schon der GEO-Chefredakteur Christoph Kucklick im Vorwort fest. Die beiden Autoren Kai Michel und Carel van Schaik htten Die wahre Bedeutung der Bibel erkannt, und daher sei es hchste Zeit, die Bibel neu zu lesen, heit es in GEO.
Die neue Sicht des Literaturwissenschaftlers Michel und des Evolutionsbiologen Schaik auf die Bibel stellt in der Tat einiges auf den Kopf. Die Bibel ist nach ihrer Interpretation ein einziger groer Versuch, ein Volk des Altertums zusammenzuhalten. Sie erfuhr dabei immer wieder Updates, weil die vorherigen Versionen Lcken aufwiesen. Auch Gott ist demnach eine Erfindung von schlauen Menschen, um Gesetze durchzudrcken und fr Ordnung im Volk zu sorgen.
Die These, die Michel und Schaik in der Titelgeschichte der GEO-Ausgabe darlegen, beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies. Die sei im bertragenen Sinne der Schritt des Menschen zur Sesshaftigkeit vor rund 12.000 Jahren gewesen. Denn wo die Jger und Sammler noch direkt von den Frchten der Natur lebten, schufen sich Siedler einen Raum, in dem Arbeit, Leid, Krankheit, Missgunst und Streit das Leben zunehmend bestimmten. Also musste diese neue Art des Zusammenlebens organisiert und geregelt werden. Was eignete sich da besser als eine Religion und ein Gott, der bei Zuwiderhandlung straft?
Karrierevorteil fr Israel So erklren Michel und Schaik die komplette Bibel. Der Religionskritiker Richard Dawkins habe die Bibel fr grotesk erklrt, stellen sie fest. Da berrasche es nicht, dass die Bibel allenfalls noch an Weihnachten hervorgeholt wird. Erstaunlich, dass die Autoren all jene Millionen von Glubigen auf der Welt missachten, die die Bibel durchaus auch an anderen Tagen aufschlagen. Es soll sogar Menschen geben, die geradezu tglich in der Bibel lesen seien es Juden oder Christen. Und sie gehren keineswegs einem altertmlichen Volk des Nahen Ostens an, das sich gegen die Imperien gypten, Assyrien und Babylon zur Wehr setzen muss.
Es ist schwierig, nach der Sichtweise Michels und Schaiks zu erklren, warum auch heute noch viele Menschen den Gott der Bibel fr existent und bedeutend fr ihr Leben halten. Und so kommen sie in der Tat zu Schlssen wie: Gottes Zorn mag Glubige heute befremden. Allerdings ignorieren sie, dass auch heute noch Millionen Menschen die Bibel ernst nehmen und also auch einen Zorn Gottes nicht ausschlieen knnen oder wollen. Doch eventuell ordnen sie ihn im Lichte des Evangeliums theologisch ohne Reibungsverluste ein.
Der Monotheismus habe dem kleinen Israel den entscheidenden Karrierevorteil gebracht, behaupten die Autoren. Erstaunlich aber ist, dass historisch betrachtet die Entwicklung (Karriere) jenes Volkes der Bibel alles andere als erfolgreich verlief. Wer wurde in den Jahrtausenden mehr bekriegt, zerstreut und verfolgt als die Juden?
Die Bibel bessert nach Michels und Schaiks drehen die biblische Sichtweise um 180 Grad. Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, sondern der Mensch Gott; die Gebote sind nicht von Gott zum Wohle des Menschen aufgestellt, sondern vom Menschen zum Wohle des Glaubens an Gott; die Bibel beschreibt nicht Gottes Weg mit den Menschen, sondern den Weg, den die Menschen mit ihrem erfundenen Gott bestreiten. Die Bibel ist nicht lnger eine Geschichte von einer Beziehung eines Gottes zu seinem Volk, sondern die Bedienungsanleitung fr eine Religion. Die Autoren sind berzeugt: Deshalb bessert die Bibel nach. Sie ist lernfhig! In den spteren Psalmen tritt uns ein barmherziger Gott entgegen, der auf die spirituellen Bedrfnisse der Individuen Rcksicht nimmt.
Alle jene Menschen, die laut der Bibel mit Gott zu tun hatten, von Abraham ber Mose und Knig David bis Jona, all der Aufwand der Chroniken, Psalmen und Gesetze alles wurde im Dienste einer Gemeinschaft erfunden, die sesshaft geworden war. Die Autoren bemerken an einer Stelle selbst ein Problem, das sich aus dieser Sichtweise ergibt. Wenn Gott, wie in der Bibel dargestellt, fr Gerechtigkeit sorgt, und Leid eine Prfung ist, warum bleibt die Gerechtigkeit dann im realen Leben so oft aus? Noch schlimmer: Wieso gab es Mrtyrer, die sich opferten? Die Antwort: Die Bibel musste hier erneut nachbessern. Diesmal wurde das Leben nach dem Tod erfunden. Auf das konnten jene hoffen, die in diesem Leben keine Gerechtigkeit erfuhren. Das Christentum schlielich sei dann so weit entwickelt, dass die Autoren vom Schweizer Taschenmesser unter den Religionen sprechen. Da ist fr jeden Bedarf etwas dabei.
von: Jrn Schumacher
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